Die Wahrheit über die Organtransplantation
Organtransplantation aus der Sicht einer
Betroffenen
Meine Damen, meine Herren, ich bin Mitglied der
Initiative: "Kritische Aufklärung über Organspende",
einer Initiative, gegründet von Eltern, die ihre Kinder zur
Organspende freigegeben haben. Völlig unaufgeklärt haben
wir uns, ohne die Tragweite unserer Entscheidung übersehen zu
können, von Medizinern in eine Situation hineinführen
lassen, in der es nicht mehr um ein friedvolles und behütetes
Sterben unserer Kinder ging, sondern um das Überleben Dritter.
Als uns klar wurde, wozu wir ja gesagt hatten, hielten wir es
für notwendig, andere Eltern über das aufzuklären,
was wir nicht gewusst hatten. Wir möchten Ihnen mitteilen,
welche Probleme uns daraus erwuchsen und was eine Organspende
tatsächlich alles beinhaltet. Es ist ein sehr intimer und
schmerzlicher Bereich unseres Lebens, zu dem man eigentlich Fremden
keinen Zugang gewähren möchte, aber wenn wir betroffenen
Eltern nicht darüber reden, diskutieren die Mediziner die
Organspende weiter nur aus dem Blickwinkel der Machbarkeit und der
Möglichkeiten. Organspende rettet Leben, Organspende ist ein
Akt der christlichen Nächstenliebe, die über den Tod
hinausgeht, so werben Transplantationsmediziner und
Organempfänger, und so werben viele gedankenlos mit, weil
keiner mehr sterben will. Und doch ist die Voraussetzung für
die Transplantationsmedizin das Sterben eines Menschen, der in den
Minuten, Stunden oder Tagen seines Sterbens, wenn die Lebenskraft
für ihn selber nicht mehr ausreicht, noch genügend Leben
für andere in sich hat. Ungenannt und unbekannt, verschwindet
er nach der Entnahme seiner Organe im Dunkel. Keiner, der die
Organspende befürwortet, denkt daran, dass ein Mensch sterbend
noch einmal auf den Operationstisch geschnallt wurde, damit er
Spender von lebenden Organen sein konnte.
Der Transplantationsmediziner aber steht im
gleißenden Rampenlicht. "Leben um jeden Preis" steht
unsichtbar auf dem Banner, das Arzt und Transplantierter in den
Farben der Nächstenliebe vor sich hertragen. Die Angst vor der
eigenen Sterblichkeit macht blind, und so lassen wir uns von dem
Wunsch nach Unsterblichkeit in ungeheuerliche Begierden und
Begehrlichkeiten führen. In der Forderung "liebe Deinen
Nächsten wie Dich selbst und Gott über alles" hat die
Nächstenliebe Stabilität. Wie in der
Transplantationsmedizin nur einseitig gebraucht, führt sie
Organspender und Angehörige in eine Einbahnstraße, die
in einem Alptraum endet. Wir befinden uns durch die
Transplantationsmedizin im modernen Kannibalismus. Der Mensch
reißt seinem Gegenüber nicht mehr selber das Herz aus
der Brust und verspeist es zur eigenen Kraftgewinnung, nein, in der
heutigen Zeit legt sich der Mensch auf einen Operationstisch,
schließt die Augen und lässt einverleiben. Wir waren
bereit gewesen, ein Organ zu spenden, jetzt erfuhr ich, dass die
Mediziner meinem Sohn Herz, Leber, Nieren und Augen entnommen
hatten, man hatte ihm sogar die Beckenkammknochen aus dem
Körper gesägt. Zerlegt in Einzelteile war er dann
über Europa verteilt worden. Er war zum Recyclinggut
geworden.
In den folgenden Jahren sammelte ich jede
Information zur Transplantationsmedizin. Auf der Suche nach
Antworten versuchten besonders die Transplantationsmediziner der
Medizinischen Hochschule Hannover meine Zweifel und kritischen
Fragen damit abzuwehren, dass sie mich für "zu betroffen"
erklärten, um klar denken zu können. Um mich mundtot zu
machen, wurde mir mit gerichtlichen Schritten gedroht. Man schickte
mir Unterlassungsklagen zu, in denen ich mich verpflichten sollte,
für jede öffentliche Stellungnahme zur Organspende meines
Sohnes 1000 DM an das Deutsche Rote Kreuz zu zahlen. Ohne meine
Familie, die sich davon nicht einschüchtern ließ, die
mir half, persönliche Trauer und berechtigte Kritik
voneinander zu trennen, hätte ich den Kampf um Aufklärung
und Verstehen aufgegeben. Ein Artikel in der Hannoverschen
Allgemeinen Zeitung hatte eine Lawine von Kontakten zu den Medien,
aber auch zu Angehörigen von Organspendern zur Folge.
Ich war gar kein Einzelfall, wie mir eingeredet
werden sollte. Alle diese Angehörigen waren, wie ich,
unaufgeklärt oder falsch informiert in die Organentnahme
manipuliert worden.[...] Alle Angehörigen der Organspender
sind davon ausgegangen, dass ihre Kinder so tot waren, wie man sich
Tot-Sein vorstellt. Alle erinnerten sich daran, dass ihre Kinder
aber gerade nicht kalt, starr, leblos und ohne Atem waren. Im
Gegenteil: sie waren warm, einige schwitzten, sie wurden wie
Patienten versorgt und behandelt. Im Nachhinein breiten sich Angst
und Entsetzen aus. Das Schuldgefühl, zu früh aufgegeben
zu haben, überwältigt, denn was verlassen wurde, war ein
Lebender und kein Toter. Niemand kann die Angehörigen aus
diesem Alptraum herausführen, weil keiner leugnen kann, dass
sie tatsächlich warme, lebende Körper zurückgelassen
haben. An dieser erlebten und im Sinne des Wortes wirklich
"begriffenen" Tatsache geht die Definition des Hirntodes vorbei. Am
erdrückendsten werden die Augenblicke empfunden, in denen die
Eltern über die vielleicht noch vorhandenen Empfindungen ihrer
Kinder bei der Organentnahme nachdenken. Die Mütter
erzählen von nächtlichen Alpträumen, in denen ihre
Kinder schreien und ihnen vorwerfen, sie verlassen zu haben. Und
das genau haben wir getan. Sterbebegleiter waren nicht wir, sondern
die Transplantationsteams, die nacheinander anreisten, um sich
ihrer Organe zu bemächtigen.
Fixiert auf dem Operationstisch,
anästhesiert wie jeder Patient, der operiert wird, reagieren
einige Spender mit Blutdruckanstieg, wenn der erste Hautschnitt
gesetzt wird. Bei normalen Patienten ist das ein Zeichen für
Schmerz. Haben unsere Kinder etwas empfunden, als man sie vom Kinn
bis zum Schambein aufschnitt, ihre Körperhälften wie eine
Wanne auseinander spreizte, um sie mit eiskalter
Perfusionslösung zu füllen? Haben sie empfunden, wie sie
nach der Qualität ihrer Organe beurteilt wurden? Alles Wissen,
alle Informationen, die wir in dieser Frage sammelten,
bestätigen und erhärten den Verdacht, dass unsere Kinder
nicht tot waren, sondern erst im Sterben lagen.[...] Um nicht des
Totschlags angeklagt zu werden, wurden 1968 im Harvard Medical
Report die irreversibel comatösen Patienten für "hirntot"
erklärt und man bezeichnete ihren Zustand als "Tod der Person"
oder "Tod des Individuums". Diese Umdefinierung des irreversiblen
Comas schuf zuerst in Amerika die notwendige Legitimation, solche
Menschen als Herzspender zu benutzen. Hirntote Frauen können
Kinder gebären, hirntote Männer können Erektionen
haben. Hirnströme und Hormonproduktion der Hypophyse sind
möglich. Sie reagieren auf äußere Reize, bei 3 von
4 Hirntoten sind Bewegungen der Arme und Beine möglich.
Hirntote können sich aufrichten und gurgelnde Laute
ausstoßen. Ihr Herz schlägt, und sie atmen mit
technischer Unterstützung durch Beatmungsgeräte. Sie sind
warm, der Stoffwechsel funktioniert. Nicht neue medizinische
Erkenntnisse machten aus sterbenden Menschen "Teiltote", sondern
neue technische Möglichkeiten schufen neue Bedürfnisse
und daraus resultierende Ansprüche. Der Mensch wird seither in
seiner schwächsten und schützenswertesten Situation,
seinem Sterben, umdefiniert zu einem wehrlosen, aber in einer
bisher nie da gewesenen Weise ausbeutbaren Objekt. Sein bisher in
einer zivilisierten Welt als selbstverständlich anerkanntes
Recht auf sein eigenes, ungestörtes und individuelles Sterben
wurde umdefiniert in eine Pflicht zur Organspende.
Die Individualität jedes Menschen reicht bis
in seine letzte Körperzelle und bleibt auch in einem
transplantierten Organ vorhanden. Mit hohen Cortisongaben werden
das fremde Organ und der Empfängerkörper gedopt, um die
Natur zu betrügen. Die Folgen bleiben nicht aus. Die
ständigen Cortisongaben schädigen auch die anderen
Organe. Das transplantierte Organ bleibt, trotz Cortison, einer
schleichenden Abstoßung unterworfen. Pilze, Viren und
Bakterien, die in einem gesunden Körper von den
körpereigenen Abwehrkräften bekämpft werden,
können sich ungestört vermehren. Manch Transplantierter
stirbt qualvoll an Infektionen, gegen die sich sein Körper
nicht wehren darf, um das transplantierte Organ nicht
abzustoßen.[...] Die einzige Alternative zur
Transplantationsmedizin für Spender und Empfänger von
Organen, für jeden von uns, ist die Akzeptanz des Sterbens.
Ich habe gelernt, dass die Lebensqualität eines Menschen, der
auf ein Organ verzichtet und sich auf das Sterben einstellt, die
Lebensqualität eines Gesunden übertreffen kann. Das Ziel
meiner Bemühungen, das Sterben meines Sohnes zu begreifen,
habe ich erreicht. Es ist ein Alptraum, mit dem ich leben lernen
musste. Ich habe das Vertrauen verloren, das ich der
Transplantationsmedizin gegenüber empfand, aber ich habe
Vorstellungen zu meinem eigenen Sterben gewonnen. Dafür bin
ich dankbar.
von Renate Greinert
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